Exzentritzität und Melancholie
Edith Sitwells fotografische Selbstinszenierungen

1959 wird die englische Dichterin Edith Sitwell in der BBC-TV-Sendung Face to Face interviewt. Obwohl Sitwell seit den 1920er-Jahren in England für ihre eigenwillige Art bekannt ist, sich mit langen Brokat- und Samtkleidern, mit großen Ringen, Broschen und Ketten sowie mit außergewöhnlichen Kopfbedeckungen zu schmücken, fragt der Interviewer dennoch gleich zu Beginn des Gesprächs nach demGrund für den extravaganten Kleidungsstil. Sitwell antwortet: „Because I can’t wear fashionable clothes. You see, I’m a throwback to remote ancestors of mine. And I really would look so extraordinary, if I wore coats and skirts. I would be followed for miles and people would doubt the existence of the almighty if they saw me look ing like that. […] I’m descended from the most queer and remote sources.“

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Verbrenner
Pyrologische Anmerkungen zur Autokultur

Im Dezember-Heft 2025/2026 von KUNSTFORUM INTERNATIONAL befasse ich mich mit dem Phänomen brennender Autos in Kunst und Gesellschaft:
Das Automobil ist das Majestätsmedium der Moderne. Der Selbstbeweger hat in seiner 140-jährigen Geschichte nicht nur auf durchgreifende Weise Landschaften und Städte umgestaltet, er hat zudem die Subjektivität und das Seelenleben zutiefst geprägt. Durch den Zuwachs an Beweglichkeit, Raumbeherrschung und Geschwindigkeit sowie durch die Verkapselung in der mobilen dritten Haut erfährt das Subjekt eine Ich-Umformung, die einer Suche nach „idealer Schwerelosigkeit“ gleichkommt.

Die Lust an der Brandlegung, die das Fahrzeug zerstört, bezeugt eine Krise der automobilen Gesellschaft und der Seelen.

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Globus oculi

Der Aufsatztitel »Globus oculi« spannt einen Assoziationshorizont auf: Globus, also die Kugel, umfasst semantisch nicht nur die Erdkugel, sondern weitergehend auch die Weltkugel als Sphäre in ihrer kosmischen Dimension. Aufgrund dieser Großbedeutung wurde die Kugel als Totalitäts-, Perfektions-, Macht- und Herrlichkeitssymbol in vielfältiger Weise funktionalisiert und bildlich dargestellt. Das Gleiche gilt für oculus, Auge, das nicht nur in der theologischen und politischen Ikonografie, sondern auch in der Psychopathologie, im Aberglauben und in der Architektur als symbolisches Zeichen zu finden ist.
Der Text behandelt Augen und Blicke in der Medienkunst und skizziert an einigen Markierungspunkten den Prozess vom theologischen zum trivialmythischen Emblem.

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POPulismus
Über Superheldenfilme

Ausgehend von dem auffälligen Faktum, dass der Aufstieg populistischer Bewegungen und die Welle an Superheldenfilmen zeitlich korrelieren, stand eine schlichte Beobachtung am Beginn der Untersuchung: Im Populismus erfährt der dezisionistisch agierende Führer als heldischer Charakter, der über Gut und Böse entscheidet, eine Wiedergeburt. Es erwies sich jedoch weitergehend, dass ein ganzes Motivbündel vorliegt, das Korrespondenzen zu zentralen populistischen Themen aufweist – Motive der Bedrohung, des Kampfes, der Selbstbehauptung und der thymotischen Aufrichtung. Die medial vermittelten Erregungszustände, die als unterhaltsame Entspannungsangebote genossen oder als »Parodie der Katharsis« kritisiert werden können, lassen sich in ihrer verzerrenden Überdramatisierung und Fantastik als symptomatische Übersetzungen von Imaginationsbeständen in der Gesellschaft identifizieren.

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Zur Ästhetik des Populismus im digitalen Zeitalter
Ein Plädoyer für die Kunst

Seit einiger Zeit geht ein Gespenst um in westlichen Demokratien, das Gespenst des Populismus. Was sich unter dem Begriff des Populismus versammelt, sind Bewegungen des Antiquarischen, Zusammenschlüsse von Zeitgenossen, die den Takt des kulturellen Fortschritts und der Aufklä- rung nicht befolgen wollen. Der populistische Habitus ähnelt dem unartiger Kinder, die gegen Anstandsregeln verstoßen und sich zu diesem Zweck historische Kostüme aus der totalitären Ver- gangenheit überstreifen. Dabei preisen die Populisten den Autoritarismus der einen Meinung und kritisieren das demokratische Selbstverständnis der Vielfältigkeit als Bedrohung der Identität, die gemäß ihrem Verständnis aus dem Mythos des Nationalen entstehen soll. Die Affekte des Zorns und des Abscheus dienen ihnen als Authentifizierung ihrer Haltung.

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Die neuen technisch-seelischen Mittel der Kunst
Anmerkungen zu den ästhetischen Schriften Wilhelm Ostwalds

Ein auffälliger Zug der ästhetischen Schriften Wilhelm Ostwalds, Nobelpreisträger für Chemie, ist die wiederkehrende Kampfrhetorik gegen „Kunstschreiber“ und Kunstwissenschaftler. Kurz nach 1900 ist der Ton des renommierten Naturwissenschaftlers noch vergleichsweise moderat, wenn er bekundet, dass er den „bisherigen antiquarischen und ‚philosophischen‘ Betrieb der Kunstwissenschaften unbefriedigend findet“. Dort würden „grämliche Richter“ ihr unwissenschaftliches Unwesen treiben, würden „strenge Tanten versuchen, die Kunst zu erziehen“. 20 Jahre später ist von Abgeklärtheit nichts spüren, Ostwald nennt die Verwalter der Kunst „Händler und Wechsler im Tempel“, die es sich zur Aufgabe gemacht hätten, die „sehr große Masse“ zu kommandieren. Ostwald wird nicht müde zu behaupten, dass in der Welt der Kunst vorwiegend die „schädlichen Einflüsse der normativen Ästhetik“, der „Ästhetik von oben“, wirksam seien und jedweden Fortschritt unterbinden würden.
Ostwald stellt dagegen die programmatische Forderung: “Die Kunst soll uns in den Stand setzen, willkürlich erwünschte Gefühle hervorzurufen.“

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Modellbilder des Humanum
Zur Geschichte des Androiden als epistemisches Medium

Zu den kulturell tief verwurzelten Praktiken gehört das Abbilden von Menschen, das im historischen Fortgang mit unterschiedlichen Funktionen belegt wurde. Damit einher geht ein mythisches und literarisches Nachdenken, das wie eine Protomedientheorie gelesen werden kann: Vor allem im 18. und 19. Jahrhundert werden in fantastischen Konstruktionen die Grenzen zwischen dem Ikonischen und dem Realen aufgelöst, indem Geschichten von verlebendigten Bildern und Skulpturen erzählt werden. In diesem Motivkomplex nehmen die Vorstellungen von künstlich erschaffenen Menschen – Automatenpuppen, Humanroboter und -biomaschinen – eine Sonderstellung ein, da die Wissenschaften seit dem 17. Jahrhundert an der Entwicklung von technologischen Spiegelbildern arbeiten. Der Aufsatz zeigt am Beispiel von vier epistemischen Grundmodellen (mechanisch, thermodynamisch, elektrodynamisch, kybernetisch) aufrissartig, wie die zweite Natur der Technik als determinierende Instanz aufzufassen ist, mit der die erste Natur begreifbar wird. In Konsequenz bedeutet dies, dass nicht nur Erkenntnisse generiert, sondern Menschenbilder modelliert werden. 

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Menschenschwärme Schwarmmenschen

Wer sich mit dem in Mode gekommenen Begriff des Schwarms zu beschäftigen beginnt, befindet sich unvermittelt selbst in einem Schwarm – einem Schwarm aus Buzzwords: swarm intelligence, swarm logic, swarm communication, swarm robotics, mass swarming, swarm streaming, swarm behavior, swarm war, swarm tactics, swarm science, swarm creativity usw. Eingebettet in un- terschiedliche Komposita wandert der Begriff zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen der Informatik, Verhaltensbiologie, Mikrobiologie, Nanotechnolo- gie, Robotik, Soziologie und Psychologie. Der Signifikant ist zu einem Heftpunkt für unterschiedliche Aspekte des Aggregrierens geworden: Synchronizität von Verhaltensabläufen, Aktions-Reaktionskomplexe, Vernetzungs-, System-, Struk- tur- und Formationsbildungen, Emergenz, Selbstorganisation und Intelligenz.
In dem Maße wie die Begriffe auf Wissenschaftlichkeit verweisen, drängt sich die Frage auf, welche imaginativen und affektiven Inhalte auf dem Spiel stehen. Die Analyse von paraliterarischen Texten gibt Auskunft über Semantiken und kulturelle Funktionen. 

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Unsichtbare Körper
Röntgenstrahlen und die literarische Imagination

Mehr-Sehen, Neu-Sehen, Anders-Sehen — kaum eine Abhandlung über die Geschichte der Röntgenstrahlen und -fotografie versäumt es, die neue Medientechnologie als Erlöserin einer Sichtbarkeit zu feiern, die bis dahin an die Gesetze des natürlichen, protheselosen Auges gefesselt war. In der Radiografie mit Röntgenstrahlen kulminiert eine Entwicklung, die sich seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts vollzogen hatte: Die Medien des Sehens (z.B. Fotografie, Stereoskop, Mikroskop) und die Entdeckungen der Wahrnehmungsphysiologie hatten im Gleichschritt die Beschränkung der visuellen Wahrnehmung offengelegt. Stellte sich die traditionelle Fotografie als Aufklärungsmedium gegenüber dem Äußeren dar, trat am Ende des Jahrhunderts die Röntgen-Fotografie an, um das Verschlossene ins Licht zu bringen. Die Technologien der Sichtbarmachung hatten zu ihrer Apotheose gefunden. Das Sichtfeld schien zur Panvision geweitete, was futuristische Utopien des Erkennens initiierte.

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Die Anwesenheit der Abwesenheit

Dieser Essay behandelt das fotografische Projekt Post-Socialist Landscapes des amerikanischen Fotografen Matthew Moore. Er selbst sagt über das Projekt: »It is an exploration of memory sites in countries that were at one time occupied by the Soviet Union. The photographs in this project fall into two groups. One set of images, titled Scars, depicts the exact location where statues of Lenin and Stalin once stood. These photographs seem to portray obscure public squares or city parks, but to many local inhabitants, these spaces are still charged with an ominous presence.« 
Bei dem Text handelt es sich um die ursprüngliche deutsche Fassung. Die englische Übersetzung ist in dem Katalog Post-Socialist Landscapes (2022) veröffentlicht worden. Alle Fotografien sind auf der Webpräsenz des Fotografen frei zugänglich.

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Sleeveface

Sleeveface ist der Genrebegriff für eine Form inszenierter Fotografie. Geprägt wurde der Begriff 2007 von dem Waliser Carl Morris, nachdem er bei einer DJ-Performance die Hüllen (engl. sleeve) von Vinylplatten, auf denen die Porträts von Popkünstlern abgebildet waren, vor sein Gesicht gehalten und Freunde diese Maskierung fotografiert hatten. Seit 2008 hat sich die Bildformel über diverse Social-Media-Plattformen (Facebook, Twitter, Flickr, Pinterest) zu einem populärkulturellen Phänomen entwickelt; die Initiatoren (Carl Morris, John Rostron) wiederum kuratieren kontinuierlich unter der Domain www.sleeveface.com Webpräsentationen von Sleeveface-Fotografien. Zwar lassen sich schon für die Zeit vor der Begriffsprägung einzelne Vorläuferphänomene finden, diese bewirkten jedoch keine partizipatorisch-massenkulturellen Effekte.

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